Wir schreiben Samstag den 15.10.2011, es ist 6:30Uhr und Arschkalt als mich Rob zu unserem ersten Rutenbaukurs abholt. Über zig Umleitungen geht’s eine gute Stunde in Richtung Handzell. Handzell????? Liegt das in Deutschland? Ja liegt es, und zwar Nähe Aichach in Mitten des schönen Bayerns. Angekommen an der alten Schreinerei stellten wir schnell fest Handzell ist nicht nur den meisten Leuten kein Begriff sondern auch unseren Mobilfunkanbietern, denn mit Handyempfang ist hier nichts los. Aber wir wollen uns ja den ganzen Tag auf unsere erste selbst gebaute Rute konzentrieren. Wir betreten die Werkstatt und man sieht sofort wem der Laden gehört: dem kleinen, lachenden und locker gelaunten Karl. Kurze Begrüßung gleich die Anweisung zuzuhören, sonst muss ich es euch noch mal erzählen! „Alles klar Chef, machen wir!“ Jeder soll sein persönliches Limit angeben was er ausgeben will und wir entscheiden uns für eine Fliegen sowie eine Waller-Vertikalrute. „Jetzt geht’s hintre und suachts eich eire Kombonentn wos ham wollts mol aus und dann red mer weiter!“ Es geht nicht nur uns so, dass wir ziemlich ratlos vor den unzählig vielen Variationen und Auswahlmöglichkeiten stehen. Aber nach und nach gelingt es jedem einen passenden Rollenhalter, Griff, Windingchecks… zu finden.
So nun kann also der eigentliche Kurs beginnen. Schnell wird klar es gibt da schon wesentliche Unterschiede auf die man achten muss. Hat man eine Ein- oder Mehrteilige Rute, Fliegenrute oder Wallerrute, Kork oder Duplongriff, Multi- oder Stationärrolle, … Aber Karl erklärt die Unterschiede wunderbar an Hand der einzelnen Rutentypen. Großes Problem bei diesem Schritt war, dass, wie ja alle wissen, die Preise für handelsübliches Kreppband sehr hoch sind, also war Sparen angesagt und Karl wollt bei unsachgemäßer Verwendung den Preis der Rute exorbitant steigern. Verdünnung ist anscheinend sehr günstig, denn mit der ging er sehr großzügig um. Solche kleinen Neckereien verfolgten uns den ganzen Tag und lockerten die Atmosphäre auf. Bis jetzt war es ja alles kein Problem und wir hatten Spaß, vor allem weils jetzt Essen gab Nun war die Bestimmung des Overlaps nach „Methode Karl“ dran. Beim ersten Mal sah jeder nur verdutzt zu, allerdings wenn man seinen Blank in die Hand nimmt und die Bestimmung selbst durchführt wird es einem schnell klar was der Overlap zu bedeuten hat und wie man ihn findet. Inzwischen war Karls Tochter Melanie zu uns gestoßen. Sie übernimmt später die Hauptleitung des Bindens, da Karl einfach ein viel zu großer Grobmotoriker und somit fehl am Platz ist. Allerdings muss ich ihm zu Gute halten, er hat keinem ein Auge mit den Blanks ausgestochen, ist ja auch schon was. Melanie hatte eine etwas sanftere Art, welche allerdings durch ohrenbetäubendes schreien ziemlich schnell kompensiert wurde. Aber Ringe binden kann sie, das muss man sagen. Sie stand jedem mit Rat und Tat zur Seite und selbst der größte Trottel schaffte es mit ihrer Hilfe seine erste Ringwicklung zu vollenden. Allerdings sei gesagt ich habe noch nie so viele Leute so viel fluchen hören wie beim Ringe binden. Die ersten Wicklungen sind einfach zum Haare raufen, vor allem wenn Melanie einem gegenüber hockt, anschaut und nebenbei blind die schönsten Wicklungen zaubert. Naja was soll’s, es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen und nach gefühlten 20h waren auch die Ringe gebunden.
Zum Schluss wurden die Ruten noch lackiert und da hat man dann schon gemerkt, dass wir 10h am Arbeiten waren, denn die Konzentration lässt langsam nach, aber die Vorfreude auf das Ende spornte uns noch einmal an. Nun war sie fertig die erste selbst gebaute Rute. Jeder war unglaublich stolz auf sein Werk und man muss sagen, es sind auch ausnahmslos super Ruten dabei raus gekommen, die sich locker mit den von der Stange messen können.
Ich würde jedem der Interesse und die Möglichkeit hat einen solchen Kurs zu belegen raten: „Traut euch“ Auch wenn ihr keine Erfahrung habt, ihr lernt viel über die Charakteristik der Rute, was macht eine gute Rute aus, wie verhält sie sich, warum macht sie das und aus diese gewonnen Erkenntnisse könnt ihr dann praktisch am Gewässer anwenden. Karl ist ein super Typ, er hilft bei allem was er kann, hat immer einen lockeren Spruch drauf und ist auch nicht sauer wenn man sich blöd anstellt. Zitat: „Ihr könnt keine Fehler hier machen, die ich nicht auch schon gemacht hab, also fragt.“ Seine Kompetenz ist gigantisch, genauso wie sein Atelier. Diesen Begriff verwende ich bewusst, denn in dieser Werkstatt entstehen echte Schätze und Kunstwerke. Nähere Informationen über Karl und seine angebotenen Leistungen, die weit über einen Rutenbaukurs gehen findet ihr auf www.rutenbau.eu
Abschließend könnt ihr euch selbst noch von der netten Art von Karl in einem kleinen Interview überzeugen. Es geht ebenso daraus hervor, dass man kein Handwerksmeister oder Millionär sein muss um sich seine eigene Traumrute zu bauen. Hallo Karl, wie bist du zum Rutenbau gekommen? Ich habe 1988 den Fischereischein gemacht. Kurz darauf wurde ich Jugendleiter. Ich hab mit den Jungs Casting angefangen. Die Castingruten waren sehr teuer und gingen schnell zu Bruch. So habe ich mir Blanks machen lassen, um selber welche zu bauen. Beim Zubehör merkte ich schnell, dass man ohne Gewerbeschein nicht günstig an die Sachen kommt, also holte ich mir einen Gewerbeschein Casting und Angelsport. Ich hab nichts, aber auch gar nichts vom Angeln, geschweige denn vom Rutenbau verstanden. Trotzdem kam ein sehr guter Blank zustande. Ein Castingrutenblank. Ich baute in meiner Freizeit Ruten bis zum Anschlag und kam nicht mehr zum Fischen. Deshalb beschloss ich nur die Bausätze zu verkaufen und den Jugendlichen das Rutenbauen beizubringen. Was fasziniert dich nach über 20 Jahren noch am Rutenbau? Wenn ich einen Kurs gebe, hoffe ich den Kursteilnehmern vieles beizubringen. Sobald ich aber bei einem Kurs halte bei dem ich nicht selber dazulerne höre ich auf. Das gleiche gilt beim Rutenbauen. Wenn ich nichts mehr dazulerne höre ich auf. Also werde ich ewig weitermachen.
Angelst du lieber oder baust du lieber Ruten? Ein guter Rutenbauer (oder auch Bastler allgemein) wird sehr bald ein guter Angler. Ein Angler der bastelt wird früher oder später ein guter Angler. Heißt für mich gehören beide zusammen. Wer bastelt fangt an zu denken. Wenn ich nur mehr Ruten baue und nicht mehr fischen gehe bin ich kein Rutenbauer mehr sondern nur mehr Bastler.
Für wen eignet sich der Rutenbau? Für alle! Aber am wenigsten für die, die sparen wollen. Ich baue keine Rute in vielen Stunden Arbeit, wenn ich dieselbe Rute, für wenig mehr kaufen kann. Die unter euch die mit ihren Qualitätsanspruch ganz oben stehen bauen fast alle oder lassen bauen. Wie viel Handwerkliches Geschick und welche speziellen Werkzeuge benötige ich für meine erste Rute? Ich hab zwei Berufe. Metzger und Industriekaufmann, und keinen dieser Berufe sagt man handwerkliches Geschick nach. Meine Frau zahlt lieber für teures Geld einen Handwerker, der es dann richtig macht. Nein Handwerkliches Geschick ist nicht nötig. Wer sich meine Anleitung durchliest kann sich eine Rute aufbauen. Kleine Fehler dürfen selbstgebaute haben. Keine Qualitätsfehler aber Optikfehler. Wer seine Ruten selber baut, sieht auch seine Fehler, die er bei gekauften nie sah. Mit den Jahren, wenn man es dann besser kann, werden diese Fehler zu sympathischen Besonderheiten. Werkzeug braucht es nur zwei Eierschachteln und eine Schere. Aber alles was ich mehr habe hilft enorm. Wer beim Rutenbau bleibt, soll sich mindestens anschaffen: Wickelbank mit Lackiermotor, Rundraspel, Skalpell und ein Teppichmesser. Alles an mehr hilft, ist aber nicht Notwendig. 2-komponenten Kleber und oder Rutenbaukleber, gutes Malerkrepp, Monofile Schnur für Schlaufe, Verdünnung, Holspatel oder Pinsel (zum Lackieren) und Papierhandtücher sind Verbrauchsgüter, die man sich besorgen kann, wenn man sie denn nicht beim Gerätehändler bekommt. Das wichtigste aber was ein Rutenbauer braucht ist " eine verständnisvolle Frau. Muss ich unbedingt einen Kurs belegen? Ja, natürlich; und das bei mir Ein Kurs ist mit Sicherheit besser, aber mit Hilfe eines guten Gerätehändlers, der sich an Telefon Zeit nimmt, geht es auch. Aber noch mal: Ein Kurs ist besser, für manche vielleicht sogar Sinnvoll. Welche Rute ist für einen Anfänger geeignet? Ich empfehle jedem nach Möglichkeit sich eine Spinnrute oder eine Fliegenrute aufzubauen. Bei den Ruten merkt man den Qualitätssprung am besten. Und im Vergleich zu exklusiven Fertigruten kann man sich viel sparen.
Was war dein kuriosestes Erlebnis im Rutenbau? Natürlich der Kurs mit Dir. Bei dieser Frage muss ich wirklich überlegen; es gibt viele nette Geschichten, die lukrativste für mich war diese. Ein Stammkunde kommt eines Tages zu mir wirft mir ein großen Geldbündel zu und sagt:" für dieses Geld möchte er einkaufen, er braucht so ziemlich alles an Ruten." Wie gesagt, er war schon lange Kunde bei mir und hat sich bestimmt schon an die 20 Ruten aufgebaut. Ich fragte warum: ist was passiert. Haben sie dich bestohlen. Was ist los. Seine Antwort. Gestern früh hab ich zu meiner Frau gesagt, ich lasse mich scheiden. Gestern Abend kam ich von der Arbeit nach Hause. Frau war weg. Ich in
den Keller, um dies mit einer Flasche Sekt zu feiern. Beim Weg zum Vorratsraum muss ich an mein Rutenbauzimmer vorbei, hab wie immer voller Stolz reingeschaut und seh meine ganzen Ruten in Brüche. Ach ja ein Zettel lag auch noch bei. Nicht nur unsere Ehe ist zerbrochen. Gruß in Ewig deine Frau! Möchtest du den Lesern noch etwas auf den Weg geben? Denkt an eure Lieblingsrute. Die , die zu Hause im Keller liegt, seit Jahren oder doch zumindest seit Monaten unbenützt. Nur weil eine Einlage vom Ring ausgebrochen ist, oder gar nur der Spitzenring kaputt. Sie wird bald vergessen sein, und mit ihr die schönen Stunden am Wasser. Grund genug mit dem Rutenbau zu beginnen. Vielen Dank Karl und weiterhin viel Spaß beim Rutenbau, wir sehen uns bestimmt bald wieder.
Abschließende noch ein paar Fotos unserer fertig aufgebauten Ruten: