Rutenbau bei Karl Bartsch

ein Erlebnisbericht

 

 

Der Paketbote wird freudig empfangen. Das mürrische „` Morgen“ in zerknittertem Schlaf-Outfit, das dem Amtlichen sonst entgegengebracht wird, weicht einem flockig leichten „einen wunderschönen...usw...Ihnen auch eine schönen Tag!“

Irritiert erhält er meine Unterschrift auf dieses unsagbar komischen Unterschrift-Kästchen ohne Papier. Man kringelt irgendwas auf ein Display und ist dadurch wahrscheinlich als Abonnent für Waschmaschinen-Updates im world-wide-web registriert.

Heute ist das egal - Hauptsache her damit!

Er hat ein längliches Paket gebracht, Jugenderinnerungen wie zu Weihnachten werden wieder aktiv.

Karl hat sie mir schon nachgeschickt, denn sie musste noch einen Tag bei ihm trocknen. Wie wird sie sich anfühlen, soll ich schon ein paar Würfe machen – und überhaupt – fange ich was damit?? Von wem ich spreche? Lest doch selbst...

 

 

Thema Rutenbau – Bartsch Rutenbauwerkstatt“ stand auf dem Flyer des Aktionstages einer großen Angelzubehör-Kette.

Seit jeher haben mich rund um mein „pensionsvorbereitendes“ Hobby nicht nur die Ansitztage am Wasser interessiert, sondern auch - oder vielleicht sogar vorwiegend - das materielle Knowhow und Drumherum. In meinem Keller werden Vorfächer gebunden, Montagen kreiert, Basteltipps nachvollzogen oder einfach mal was anderes ausprobiert. „Angel-Wurm-Fisch“ war für mich immer schon zu wenig.

Mit meiner Einstellung konnte ich diesen Aktions-Tag nicht versäumen und informierte mich dort vorerst grob.

Ein gemütlicher Herr mit schwäbischem Dialekt zeigte sich gleich kompetent, als ich die ersten Fragen am Stand formulierte.

Schnell ein paar Blanks (Stöcke ohne irgendwas dran ;-)) geschwungen und zudem ein kleiner Blick in die Materialkiste. Bald wird mir klar: Du baust dir irgendwann eine Rute selbst!

Die Handwerkskunst interessiert mich gleichermaßen, wie die Möglichkeit sich alles, aber wirklich alles selbst aussuchen zu können. Die Möglichkeiten sind hier schwer überschaubar.

 

Die schwäbelnde Gemütlichkeit, Herr Bartsch, wies mich noch an, seine Homepage zu besuchen und dadurch einen Kontakt für einen Kursus oder ähnlichem zu arrangieren.

Zwei potenzielle Rutenbauschüler sollten wir schon sein, dann könnten wir kommen und der Kurs kostet Material aber kein zusätzliches Honorar.

Als ich auf der Homepage zu lesen bekomme, dass dem Spruch „was nichts kostet - ist nichts“ der Kampf angesagt werden soll, wird es klarer. Hier lebt jemand sein Hobby, hat es zum Beruf gemacht und will das mit anderen teilen.

 

Irgendwann spät abends läutet mein Telefon und Karl Bartsch ist dran. Er entschuldigt sich, dass er so spät auf meine e-mail Anfrage reagiert hat. In diesem besondern Fall würde er mir eine Einzelunterweisung anbieten, ich solle mich einfach vorher melden und dann zu ihm kommen. Das trifft sich, denn ich hatte vergebens versucht einen Spezi für die Mitreise zu gewinnen und zweitens habe ich nächste Woche Urlaub – das passt.

 

Im Ort „Handzell“ (noch in Bayern ;-)) angekommen finde ich eine kleine Halle vor, die mal als Schreinerei ausgewiesen war. Verdächtig stehende Stangen, die durch das Fenster zu sehen sind, entlarven die Örtlichkeit als Irgendetwas, wo mit Ruten und Angeln hantiert wird – hier bin ich richtig.

Man geht zu einem ausladendem Lager und schon werden wieder die Blanks gezogen, gezupft und in Schwingung versetzt. Eine schlanke Spinnrute soll es werden mit schneller Aktion und schon sehe ich mich dieser Auswahl ausgesetzt, die einem den Entschluss nicht leicht macht.

Wenn man mit dem Glotzen in der einen Ecke meint fertig zu sein, geht Karl einfach noch mal zu einem anderen Regal und fängt von neuem an.

Dabei ist es meinem Wissenden egal wie oft er noch einen weiteren Stecken auspacken oder noch einen Vorschlag machen soll.

Mir ist mein Gezeter schon fast peinlich, da ich schon mehrere hochklassige Stäbe daliegen habe und immer noch unentschlossen rumeiere. Doch noch ein gezielter letzter Griff des Fachmanns und da ist er!

Der CTS „remote control“ in 9“ wird hin und her gebogen. Geschüttelt und gerüttelt - die Spitze schwingt kaum nach. Das ganze Teil ist auch noch so was von schlank – Kate Moss der Rutenbauer in dezentem Schwarz, somit meine gewünschte Blank-Form.

Das soll er – ich meine natürlich „sie“ - sein...beziehungsweise werden.

 

Anmerkung des Verfassers: Sollte sich einer der aufmerksamen Leser schon gefragt haben, ob eine Rute männlich oder weiblich ist, der versteht hier was ich meine. Oft legt sich das Geschlecht beim ersten Anfassen fest ;-) – alle anderen überlesen einfach diese Stelle, danke.

 

Die nächste Hürde ist zu nehmen bzw. hat man weiter eine qualvolle Auswahl an Griffformen und Farben, unterschiedliche Materialien und Techniken. Karls Werkstatt ist voll mit Teilen, die jeden Wunsch erfüllen könnten. Fährt man sich irgendwo fest, hilft der Anleitende mit der einen oder anderen Idee, aber immer so, dass die eigentliche Entscheidung beim Kunden liegt.

So wird eine halbe Stunde weiter gedreht, poliert und gesteckt und probiert bis alles zur Zufriedenheit passt. Hier war es Karl auch wieder nicht zu viel Arbeit, einfach mal Kork und Holzstücke auseinander zu sägen um etwas auszuprobieren - er weiß ja aus eigener Erfahrung: Es soll was besonderes werden – unverkennbar und individuell.

Wenig Spielraum gibt er bei der Beringung, ein so hochwertiger Blank braucht auch die dementsprechenden Ringe, die zudem von Form und Gewicht auch dazu passen. Richtungsweisend legt er mir einen Titan-Ringsatz vor, der keiner weiteren Diskussion bedarf.

 

Nach der größeren Klebeaktion am Griff, wird zunächst der „Overlap“ des Blanks ermittelt.

Produktionsbedingt hat jeder Blank eine oder mehrere dicke Stellen, an der sich das Material – in der Regel Kohlefasermatten- überlappt. Diese Stelle gilt es zu finden um die Ringe für die Aktion der Rute günstig zu positionieren.

Genau dieses Thema hatte mich schon im Vorfeld beschäftigt. Genauer gesagt hatte ich alles was das Thema Rutenbauen betrifft in Internetforen nachgelesen. Das Netz ist voll von Informationen und ich dachte ernsthaft, mich schon ausreichend informiert zu haben.

Ohne jemand nahe treten zu wollen behaupte ich aber, dass viel Käse geschrieben und illustriert wird.

Hätte ich mal gleich den Karl gefragt! Ein simpler aber effektiver Handgriff zeigt innerhalb Sekunden, wo der Overlap zu finden ist. Einfach und sicher.

Die einfache Handhabung wird dadurch unterstrichen, dass ein Jungfischer bei einem Rutenbaukurs –so erzählte der Meister- ihn auf eine gewisse Eigenheit beim Halten des Blanks hingewiesen hat. Seitdem gilt dieser Kunstgriff als Standard.

Fairer Halber muss ich auch sagen: Andere Methoden sind bestimmt auch sicher, aber die von diesem Kind (hier sollte der Name mal recherchiert werden) ist bestimmt die einfachere.

Zur detaillierten Beschreibung einfach mal bei Rutenbau Bartsch vorbeischauen.

 

Bei dieser Gelegenheit kann man dann gleich auch die Berechnungsformel für die Ringabstände mitnehmen. Mit dieser ist es ein Leichtes den mathematisch korrekten Abstand der Ringe zu erhalten. Hier hat jemand vorher schon den Kopf angestrengt und als Anfänger kann man des leicht übernehmen – alles aus einer Hand.

 

Nachdem die Laufringe auf dem Blank provisorisch fixiert wurden kommt der zeitaufwändigste Teil auf dem Weg zu seiner Selbstgebauten - das Anbinden mittels Bindegarn.

Die ersten Handgriffe und Wicklungen übernimmt der Fachmann und erklärt auch was er macht. Sieht beim Routinier extrem einfach aus, jedoch liegen die Probleme im Detail. Einen Ring anzubinden ist zum einen nicht besonders schwer, jedoch stellt zum anderen die Optik auch noch ihre Ansprüche und es hilft alles nichts. Einfach machen und probieren!

Bei einer missratenen oder schlechten Wicklung muss halt einfach das Messer angesetzt und das ganze noch einmal probiert werden – manchmal sogar zweimal ;-).

Mit zunehmender Dauer wird man natürlich kritischer und Änderungen sind immer möglich. Da meine schlanke Kate ein Modell ist, will ich ihr natürlich was Gutes tun und versuche mich mit 2 Farben und einer Zierwicklung dazu. Ob sie es mir gedankt hat weiß ich nicht, doch kurz vor dem ersten Nervenzusammenbruch stabilisiert ein Spezi (Hubert Strobl) vom Karl meinen Blutzucker mit einer Leberkäsesemmel. Genau zum richtigen Zeitpunkt um neue Kräfte zu sammeln und ich lass mir das Teil mit einem beruhigenden Hopfentee munden.

 

Da Hubert auch noch wirklich Spezialist fürs Fliegenfischen ist, erhalte ich sogar die Gelegenheit mal ein paar Loops im Freien mit einer Fliegenrute zu probieren. Leider bleibt es beim Probieren, da eine korrekte Wurftechnik mühevoll erlernt werden muss und ich bisher noch nie Gelegenheit dazu hatte.

Meine Bewegungen ähneln eher die eines Kutschers auf dem Bock und als Naturtalent galt ich ja noch nie...

Naja, wenn ich mit dem aktuellen Projekt fertig bin, probier ich das auch noch mal aus!

Zurück zu meinem Schmuckstück, ist irgendwann dann die Zeit eingetreten, wo über das Lackieren nachgedacht werden kann.

 

Auch hier hatte ich schon Vorinformationen aus dem Internet: „Erste Lackierung dünn, zweite nach ca. 20 Minuten, dritte am anderen Tag, immer schön mit dem Pinsel“....ich nehme es vorweg, es wurde mir anders gezeigt!

 

Karl mischt einen hochwertigen 2 Komponenten-Lack in einem Becher und geht mit der honigartigen Masse gleich dazu über mit einem Holzstöckchen den Blank ordentlich vollzupampen. „Natürlich muss man die Ränder beachten“, ertönt es, aber mir gehen aufgrund der groben Vorgehensweise die Augen über.

Keinen Pinsel und von wegen dreimal...hier arbeitet jemand mit dem Holzstock und hat nur einen Arbeitsschritt.

Innerhalb kurzer Zeit nimmt der Honigbatzen unter dem Künstler glatte Formen an und einen Augenblick später schmiegt sich die Masse durch das Drehen des Lackiermotors wie eine zweite Haut über die Wicklung. Perfektes Finish und ohne großen Aufwand.

Das ganze mal ordentlich mit einem großen Feuerzeug durchgeflammt, das zeigt dann schon wenn zuviel Material drauf ist und da die Hitze das ganze flüssiger gestaltet, kann man unten wunderbar den Lack wieder mit dem Holz aufnehmen.

Ich folge den Anweisungen und „pampe“ auch kräftig drauf los. Zum Glück kommt mir eine weitere Hilfe in Form von Karls Tochter Melanie zu Hilfe. Sie hat die besseren Augen und korrigiert kleine Makel mit fachkundiger Hand.

Somit wird meine Schlanke zu einer kleinen dialekt-überwindenden Co-Produktion wo jeder mal ein Auge drauf geworfen hat.

 

Die Arbeit ist getan und während das gute Stück an dem Lackiermotor dreht, schaue ich mich noch mal etwas in der Werkstatt um.

Wirklich eine erstaunliche Vielfalt an Blanks, Rollenhalter und Kleinteile - vieles sogar mit eigenem „Bartsch“ Logo. Das komplette Handangel-Programm wird abgedeckt, von Wels - Lastenaufzüge bis feines Fliegenfischen mit kaum Wurfgewicht, wer hier nichts findet, hat das falsche Hobby.

Das eine oder andere Teil wird gedanklich notiert um eventuell für den Winter noch etwas Beschäftigung einzukaufen, denn mir ist klar: Wer mal eine gebaut hat, spekuliert schon auf die nächste, denn nicht nur die Auswahl von hoch qualitativem Material, sondern auch der Stolz des Selberbauens ist es, was einen sehr in den Bann zieht.

Karl Bartsch mit seinem Team ist dann auf alle Fälle der richtige Ansprechpartner und ich muss eine kleine Äußerung hier anführen die stimmt: „An Bartsch kommt keiner so leicht vorbei.“

 

 

Wochen später, ich steh am Wasser und die Hechte beißen gut.

In der Hand eine schlanke, schwarze Rute mit bordaux-roter Wicklung und ebenso roten Holz-Applikationen am Handteil, dieses wird durch eine edle Abschlusskappe geziert; in meinem Gesicht ein überlegenes Grinsen.

Aber nicht deswegen, weil am anderen Ende des Bandes ein Lümmel der 60cm Klasse zieht.

Ich merke am Wurf und Drill, da geht noch mehr.

Der Blank ist für meine Art der Anglerei ideal, dazu das Handteil, wie man es nicht kaufen kann, und dann die unverzichtbaren unscheinbaren Makel, die sonst keiner sieht aber auch nicht hat – das ist sie, meine Selbstgebaute.

 

 

 

 

 

Christian Hänsel